Über mich!

Ich habe geträumt in der Nacht,

2011

... ein Regenbogen entstand, hell buntglitzernde Farbenpracht in ihrer ganzen Schönheit entfaltet sich über mich. Dort, wo der Regenbogen die Erde sanft berührt, stand ich mit erhobenem Kopf, meine Augen schauen zum Himmel hoch. Umhüllt und durchschwebt von lieblichen Tonreizen. Es schien, als ob mich Engelsgesang durchflutet. Dankbare Traumempfindung und mit meinem Seelenlächeln machte ich mich auf, um nach Hause zu gehen.

Um zu leben, geboren am 12. April 1969.
Meine Mutter hatte mir immer wieder erzählt, dass es an diesem Tag schneite. Ich liebe Schnee, verzauberte Welt hier auf Erden, leuchtendes Hell zart ruhend auf Dunkelndem. Schwebend tanzende Eissterne, jedes in seiner Einzigartigkeit und doch alle das Selbe. Den selben Ursprung, die selbe Entstehung, der Weg mit all seinen ungleichen Möglichkeiten und unterschiedlichen Zielen, doch verschwinden werden sie alle auf die selbe Art und Weise.
Eissterne - wie Menschen. Der unantastbare geschlossene Kreis des Lebens.

Ein Kind, welches immerzu wippt, sich in Musik lebendig fühlt und nicht versteht, weshalb andere Menschen, ob groß oder klein, jung oder alt, es nicht tun. Ich mochte die Schule nicht, in mir einsam, ertrug ich die beängstigende fremde Wirklichkeit, ohne je hätte erahnen zu können, weshalb ich es so empfand. Ich war still, leise, in mich gekehrt, meine Anwesenheit kaum bemerkbar. Sich im Unterricht zu melden, um einen mit Worten sprechenden Beitrag zum Unterrichtsgeschehen zu erschaffen, blieb impulslos. Zuhause lernen, mochte ich nicht, was meine Augen in der Schule gesehen hatten, blieb sowieso in meinem Kopf. Malen, Zeichnen, Basteln und Werken war mir eine Freude. Das Fach Deutsch wurde zum Grauen, sowie später Englisch auch. Bis heute verstehe ich die englische Sprache nur, wenn ich Musik höre. In Musiktexten erkenne ich die Bedeutung englischer Worte und ihre Aussage.

Vor dreißig Jahren begegnete ich in der Schule meiner einzigen ewigseienden Freundin. Bis heute und für unser ganzes Leben, sind, waren und bleiben wir in tiefer Freundschaft miteinander Verbunden. Sie ist und war an meiner Seite, in den Momenten, wo ich ihr meine Hand entgegen streckte, damit sie mich führt und begleitet in einer unbekannten Wirklichkeit.

Meine Berufsausbildung als Schuhfachverkäuferin hat mich oft verzweifeln lassen. Im Lager zu arbeiten war begeisternd, Schuhmodelkartons in Regale zu sortieren. Die Kartons akkurat einzubauen und verschieben. Kundenkontakt war mir sehr unangenehm, starke Angstgefühle umhüllten mich, ich scheute mich davor und hatte doch keine Wahl. Ich arbeitete in all den Jahren in mehreren Firmen. Wenn mich meine Arbeit, Tätigkeit erfüllte, erbrachte ich sensationelle Leistungen.

In meiner Ehe entstanden und wuchsen zwei bezaubernde Seelen heran. Alina und Kai, ein unbeschreibliches Glück der Empfindungswahrnehmung. Nach vielen Jahren zerbrach die Ehe, doch in meinem Herzen bleibt die Erinnerung eines lehrreichen und erfahrenden Lebensabschnittes.

Mein "Anders sein", eine auffällige Lebensweise, die zur "Unauffälligkeit" erzwungen wurde.
Nach erfolglosen Lebenskämpfen, ergab ich mich der Aussage "Du bist irre im Kopf" hin. Auffallend anders, kein Anderer wie ich. Bin ich ein defekter Mensch? Sehend "Unauffällig", überanstrengend meiner selber, gequält von Verzweiflung und nicht verstehen, gab ich auf. Unbelebt weiter lächelnd, verlor sich meine Lebenszeit, bis zu meinem Alter von siebenunddreißig Jahren.

Mein "Anders sein" bekam ein Wort. Das Wort "Autismus". Das Wort hat vieles erklärt, manchmal einfacher zu verstehen gemacht, doch die verlorene Zeit, die bleibt. Es war und ist mein Weg, von der "Irren" zur normalen "Autistin". Es erinnert mich an das Märchen "Das hässliche Entlein". Erst als die kleine Ente wusste, daß sie in Wirklichkeit ein Schwan ist, fand sie nach Hause.

... und so bin auch ich auf dem Weg nach Hause...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Monika – der Weg eines autistischen Kindes zu einer Persönlichkeit.

1990

Juli 1981

Wir begegneten uns zum ersten Mal. Moni – ein 12-jähriges Mädchen mit scheuem Blick – wohin schaute sie? Von Autismus wußte ich nichts – ich kannte nicht mal Rain Man. Aber woher kam diese Anziehungskraft? Wir waren uns sofort sehr nah. Sie brauchte ein wenig Zeit – aber bald schenkte sie mir ihre gesamte Zuneigung. Ich wurde eine wichtige Bezugsperson für sie – nie zuvor hatte ich einen solchen Beschützerinstinkt gespürt. Da erkannte ich: sie hat mich lieb. Ihr feines Gespür für Menschen hat ihr den Weg zu meinem Herzen gezeigt und ich wollte schon damals für immer mit ihr verbunden bleiben: körperlich – geistig und seelisch.

So oft die Möglichkeit bestand, war sie neben mir. Wenn es ihr nicht gut ging setzte sie sich auf einen Stuhl und begann zu schaukeln. Dort ließ ich sie in Ruhe, denn sie war in ihrer eigenen Welt versunken. Sie brauchte ihr Refugium. Oft sagte sie  meinen Namen – Helga – das war für mich Aufmerksamkeit und Wertschätzung und gleichzeitig der immerwährende Wunsch nach Zuneigung und Nähe. Mein Vertrauen in ihre Fähigkeiten war immer präsent und meine Gedanken waren: Ich hab` Dich lieb – Du bist eine Persönlichkeit – einmalig auf dieser Erde.

Heute ist Monika eine Frau von ganz besonderer Ausstrahlung. Wenn wir uns umarmen befinden wir uns in der gleichen Welt. Sie zeigt mir ihre Gefühle – sie weiß, wie sehr ich das brauche. Wir teilen jegliche Freude und auch unsere Kümmernisse und sie weiß immer einen Rat. Sie ist charakterstark und konsequent – doch stets mit diesem Blick auf die Bedürfnisse ihrer Umwelt – ihrer Mitmenschen. Immer wieder schaut sie zurück zu ihren vertrauten Personen – damit der zweite Blick den ersten Blick bestätigt – oder auch nicht.

Liebe Moni – eine Bezugsperson für Dich zu sein ist das schönste Geschenk, das ich von Dir erhalten habe. Ich bewundere Deine Inselbegabungen: Dein zeichnerisches Talent - Deine gefühlvolle Art und Weise zu schreiben – Du bist eine hochbegabte Schriftstellerin. Und Deine besondere Stärke liegt in der menschlichen Intelligenz. Ich danke Dir, dass Du mich liebst genauso wie ich bin – weil ich so bin wie ich bin - obwohl ich so bin wie ich bin.

Deine Mum

(Helga Müller)